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Dr. Sophie Junge

Brache

Es ist nicht leicht, eine Foto­gra­fie von Va­len­tin Blank zu be­schrei­ben. Sei­ne Auf­nah­men sind stim­mig in ih­rer Ton­wer­tig­keit, klug kom­po­niert, prä­zi­se ge­druckt. In ih­rer farb­li­chen Aus­ge­wo­gen­heit und kom­po­si­to­ri­schen Klar­heit wir­ken die ge­zeig­ten Stadt­land­schaf­ten ver­traut, ein­deu­tig, fast ba­nal – ur­ba­ne Nutz­flä­chen, Hin­ter­hö­fe, In­du­strie­ge­bie­te. Doch die ver­meint­li­che Ver­traut­heit der ge­zeig­ten Or­te täuscht. Blanks Fo­to­gra­fi­en ver­schlies­sen sich dem Blick und ent­zie­hen sich der In­ter­pre­ta­ti­on. Sie ge­ben nichts preis. «Schau mich nicht an, es lohnt sich nicht», schei­nen sie den auf­merk­sa­men Be­trach­tern mit­zu­tei­len. Doch man soll­te sich nicht ab­wei­sen las­sen.

«A79» nennt Blank die Auf­nah­me ei­ner städt­ischen Brach­land­schaft. Sei­ne Ka­me­ra blickt in ei­nen Hin­ter­hof. Sie ist in ei­ni­ger Dis­tanz auf­ge­stellt, so­dass der Blick zu­nächst die ris­si­gen grau­en Stein­plat­ten auf dem Bo­den im Vor­der­grund strei­ft. Im Bild­zen­trum steht ein or­dent­lich ge­stutz­tes Stück Hecke. Sie ist kurz und ge­ra­de ge­schnit­ten und nicht viel grös­ser als ein ein­zel­ner Busch. Den­noch ver­sperrt sie die freie Sicht auf ei­nen weis­sen Mer­ce­des links ne­ben ihr. Nur sei­ne Vor­der­sei­te mit der spie­geln­den Wind­schutz­schei­be und dem feh­len­den Num­mern­schild ist zu se­hen.

Links im Bild sind drei schwar­ze Rest­müll­ton­nen der Ab­fall­wirt­schaft Mann­heim or­dent­lich und der Grös­se nach in ei­ner Reihe auf­ge­stellt. Sie bil­den kom­po­si­to­risch ei­ne sanft ver­lau­fen­de Dia­go­na­le und füh­ren for­mal die recht­ecki­ge Form der Hecke fort. Die An­ord­nung die­ser Bild­ele­men­te fin­det vor der grau­en Rück­wand ei­ner ho­hen, fast quad­ra­ti­schen Mehr­zweck­hal­le statt. Das En­de ih­rer Längs­sei­te mar­kiert ei­ne me­tal­le­ne Re­gen­rin­ne, an der ei­ne klei­ne Über­wa­chungs­ka­me­ra be­fes­tigt ist. Es wä­re schön, wenn sie den Blick er­wi­dern wür­de. Aber sie rich­tet ihr ecki­ges Au­ge zur Sei­te aus dem Bild he­raus. Statt­des­sen ver­liert sich der Blick in der flä­chi­gen Lee­re der Wand im Mit­tel­grund des Bil­des. Wie ei­ne graue Lein­wand ver­sperrt sie uns die Sicht ins Bild.

Die Be­schrei­bung der Fo­to­gra­fie ge­lingt nur als Auf­zäh­lung der ein­zel­nen Bild­ele­men­te. Ihr Zu­sam­men­hang lässt sich zu­nächst nicht er­ken­nen, denn Blank ver­mei­det for­mal je­de Hier­archi­sie­rung der dar­ge­stell­ten Dinge. So mar­kiert die recht­ecki­ge Hecke das Zen­trum der Auf­nah­me und die Müll­ton­nen ste­hen or­dent­lich auf­ge­reiht ne­ben­ein­an­der, doch ei­ne Be­zieh­ung der Din­ge un­ter­ein­an­der und im Raum ist nicht nach­zu­voll­zie­hen. Blanks fo­to­gra­fi­scher Blick ver­mei­det for­mal ei­ne hier­ar­chi­sche Glie­de­rung des Bild­raums. Er be­han­delt al­le Bild­ele­men­te schein­bar gleich­wer­tig und löst sie so aus einer ge­mein­sa­men Nar­ra­ti­on. Wie die ge­stutz­te Hecke, de­ren drei­ecki­ges Beet durch ei­nen nied­ri­gen Stein­ab­satz be­grenzt wird, bleibt im Bild je­des Ele­ment für sich. Die Hecke er­laubt sich, ein we­nig über die Kan­te zu wach­sen. Doch Blank ge­steht ihr kei­nen ei­ge­nen Raum in sei­ner Kom­po­si­ti­on zu. So ver­mei­det er vor­der­grün­dig je­de Span­nung im Bild, auch die zwi­schen Na­tur- und Stadt­land­schaft, zwi­schen den grü­nen Blät­tern der Hecke und dem grau­en Stein der Bo­den­plat­ten.

Es ist die­se Be­zieh­ungs­lo­sig­keit der Din­ge im Bild­raum, die miss­trau­isch macht. Ein­zeln be­trach­tet sind al­le Bild­ele­men­te ver­traut, ge­mein­sam ab­ge­bil­det, ver­schlies­sen sie sich der In­ter­pre­ta­ti­on. Bei­na­he zer­fällt das ge­gen­ständ­li­che Bild in die Ab­strak­tion. Blank po­ten­ziert die­se Be­ziehungs­los­ig­keit durch die re­du­zier­te Farb­ig­keit der ge­sam­ten Fo­to­gra­fie. Er ver­rin­gert die Les­bar­keit der fo­to­gra­fi­schen Auf­nah­me, in­dem er die Ska­la der Ton­wer­te ver­engt: Grau in Grau präs­en­ti­ert er den be­wölk­ten Him­mel, die Rück­wand der Hal­le, die Stein­plat­ten am Bo­den. Selbst das Grün der Hecke, das im Kon­trast mit den oran­gen Au­to­lich­tern hät­te auf­leuch­ten kön­nen, wirkt matt und schal. Die her­ab­ge­setz­te Farb­ig­keit nimmt dem Bild­raum nicht nur die Tie­fe, son­dern po­ten­ziert sei­ne Un­le­ser­lich­keit. Sie legt sich wie ein Schlei­er auf die Fo­to­gra­fie und ver­schliesst das Bild vor den ein­drin­gen­den Blicken der Be­trach­ter. Zu­tritt ver­bo­ten.

Blank nimmt dem fo­to­gra­fier­ten Ort sei­ne Iden­ti­tät. Der Stadt­raum im Bild wird da­mit zu ei­ner Chiff­re der be­deu­tungs­lo­sen Lee­re, die über­all und nir­gend­wo zu fin­den ist: ein Stück ur­ba­nes Brach­land, un­ge­nutzt, un­ge­stal­tet, un­in­te­res­sant. Die ver­trau­te Ba­na­li­tät die­ses Un-Ortes löst zu­nächst ein Ge­fühl der Gleich­gül­tig­keit aus. Und doch be­gin­ne ich, ge­mein­sam mit der Über­wa­chungs­ka­me­ra zu war­ten, da­rauf, dass je­mand kommt und in das Au­to steigt oder den Deckel der Müll­ton­nen hebt. Trotz der for­ma­len Di­stanz und der ins­zen­ier­ten Lee­re des Bild­raums sind die Spu­ren von Men­schen, die den Ort be­ge­hen, das Au­to fah­ren, ih­ren Ab­fall ent­sor­gen, im Bild all­ge­ge­nwär­tig. Ih­re Ab­we­sen­heit ver­stärkt die Lee­re des Bild­raums, denn sie ruft uns ih­re vor­ma­li­ge An­we­sen­heit vor Au­gen. Das Bild kann auf die Spu­ren ih­res Han­delns ver­wei­sen, aber auf der Fo­to­gra­fie bleibt nichts als die Leer­stel­le ih­rer einst­igen Prä­senz.

In ih­rer on­to­lo­gi­schen Deu­tung ist ei­ne (ana­lo­ge) Fo­to­gra­fie be­wei­send und be­zeich­nend zu­gleich: Als iko­ni­sches Zei­chen ver­bin­det sie ei­ne struk­tu­rel­le Ähn­lich­keit mit dem ab­ge­bil­de­ten Ge­gen­stand. Als in­dexi­ka­li­sches Zei­chen be­weist sie die phy­si­sche Ver­bin­dung zwi­schen der Ka­me­ra und dem von ihr auf­ge­nom­me­nen Ort. Sie gibt die­se Spur der Be­rüh­rung wie­der und be­stä­tigt so das fo­to­gra­fi­sche Bild in sei­ner Glaub­wür­dig­keit. Es ist so ge­we­sen, zi­tiert Ro­land Bar­thes die Fo­to­gra­fie in sei­nen Be­mer­kun­gen zur Fo­to­gra­fie, La cham­bre clair von 1980. Der Ver­weis auf die Ab­we­sen­heit des Men­schen, macht sei­ne Leer­stel­le dop­pelt spür­bar, denn das fo­to­gra­fi­sche Bild kann sei­ne Spu­ren zwar auf­zei­gen, doch sei­ne Prä­senz im Bild ist für immer ver­lo­ren. Auch in der Fo­to­gra­fie von Blank ist es die Leer­stel­le des Men­schen, der sich den Blicken längst ent­zo­gen hat, die dem Bild sei­ne Le­ben­dig­keit nimmt.

Die Fo­to­gra­fie wird zum Ge­spenst, schreibt auch Sieg­fried Kra­cau­er 1963 in sei­nem Essay­band Das Ornament der Masse, denn «wir sind in nichts ent­hal­ten, und die Pho­to­gra­phie sam­melt Frag­men­te um ein Nichts».

Blank hat das Bild in Mann­heim auf­ge­nom­men, wie die hel­le Auf­schrift auf den schwar­zen Müll­ton­nen ver­rät. Mann­heim, die häss­li­che Schwes­ter von Hei­del­berg, ist eine Stadt oh­ne nen­nens­wer­te Se­hens­wür­dig­kei­ten und Tour­is­ten. Mann­heim ist ein Ort deut­schen Mit­tel­mas­ses, ein Un-Ort selbst, an dem Blank den wohl nich­tig­sten Ort ur­ba­ner Nut­zung ge­fun­den und fo­to­gra­fiert hat: ei­ne städt­ische Bra­che, die sich kaum sei­nem künst­le­ri­schen Blick auf­ge­drängt hat. Sei­ne Ka­me­ra hält trotz­dem fest, was nicht ab­bild­ungs­wür­dig ist. In der fo­to­gra­fi­schen Re­prä­sen­ta­ti­on voll­zieht sich so ei­ne Ver­än­de­rung der Wahr­neh­mung. Die künst­leri­sche Ins­zen­ie­rung des Or­tes ver­wan­delt ihn in ei­nen ge­sell­schaft­li­chen Re­prä­sen­ta­ti­ons­ra­um. In die­ser In­szen­ie­rung sei­ner Be­deu­tungs­los­ig­keit ver­leiht ihm Blanks Ka­me­ra Be­deu­tung.

Mi­chel de Cer­teau be­schreibt in sei­nen phi­lo­so­phi­schen Über­le­gun­gen zur Kunst des Han­delns (Arts de Faires, 1980), wie die Er­kennt­nis über ei­ne Stadt erst im be­weg­ten Blick des Spa­zier­gän­gers ent­steht. Erst in der Nut­zung des ur­ba­nen Raums wird die­ser mit Be­deu­tung auf­ge­la­den: «Ein Raum ist ein Ort, mit dem man et­was macht.» Auch Blanks Ka­me­ra macht et­was mit dem von ihr ge­zeig­ten Ort. Sie nimmt ihn auf; sie eig­net sich ihn an. Ihr Blick be­zeugt nicht nur die Lee­re und Ano­ny­mi­tät des grau­en Hin­ter­hofs. Im fo­to­gra­fi­schen Akt macht (sich) Blank ein Bild da­von, macht den Hin­ter­hof sicht­bar und er­klärt ihn so­mit zu ei­nem künst­le­risch und ge­sell­schaft­lich re­le­van­ten Raum.

Hier tritt die Macht der Bild­in­szen­ie­rung her­vor: Blank ent­zieht sei­ner Fo­to­gra­fie Far­be und Iden­ti­tät und stei­gert so die Ver­las­sen­heit des fo­to­gra­fier­ten Or­tes. Durch die Sicht­bar­ma­chung im fo­to­gra­fi­schen Bild ver­leiht Blank dem Mann­hei­mer Hin­ter­hof Be­deut­sam­keit. Die künst­le­ri­sche In­sze­nie­rung macht ihn zu ei­nem Bild mensch­li­cher Be­zie­hungs­los­ig­keit. Die Fo­to­gra­fie wird hier zum Ref­lex­ions­me­di­um über die Be­deu­tung ur­ba­ner Brach­flä­chen jen­seits de­fini­er­ter ge­sell­schaft­li­cher Nut­zungs­mög­lich­kei­ten. Denn der städt­ische Raum ist im­mer auch ein so­zi­al­er Raum, der durch ge­sell­schaft­li­che Macht­ver­hält­nis­se, durch kol­lek­ti­ves Wis­sen, ge­mein­sa­me Nut­zung und in­di­vi­du­el­le Ge­stal­tung ent­steht, wie Hen­ri Le­febv­re in sei­ner So­zio­lo­gie des Rau­mes, La Pro­duc­tion de l’es­pa­ce 1974, be­schreibt.

In sei­ner Ge­stal­tung, sei­ner Nut­zung oder in der Lee­re des Blank­schen Hin­ter­hofs wird der städt­ische Raum zum Spie­gel der ge­sell­schaft­li­chen Be­zieh­ungen. Da­bei wirft die lee­re Fas­sa­de im Bild­zen­trum den Blick der Be­trach­ter zu­rück und for­dert auch sie zur Stel­lung­nah­me auf. Hier liegt das ge­sell­schafts­kri­ti­sche Po­tenz­ial der Fo­to­gra­fie. Zwar un­ter­schei­det sich Blank deut­lich von so­zial­do­ku­men­ta­ri­schen Auf­nah­men ge­sell­schaft­li­cher Un­ter­schich­ten, städt­ischer Ar­mut und Ob­dach­los­ig­keit. Ihm geht es we­ni­ger um die un­mit­tel­ba­re Wie­der­ga­be ge­sell­schaft­li­chen Elends. Aber die Lee­re und Ver­las­sen­heit des Or­tes wer­den in ih­rer künst­le­ri­schen In­szen­ie­rung als kri­ti­sche Re­flex­ion über ge­sell­schaft­li­che Räu­me und so­zia­le Be­zie­hun­gen lesbar.

Oktober 2015

Dr. Sophie Junge

Lehr- und Forschungsstelle für Theorie und Geschichte der Fotografie

Kunsthistorisches Institut

Universität Zürich


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